Stoffreduktion … du hast Nerven

In Zeiten von Future Skills, Kompetenzorientierung und der Künstlichen Intelligenz ist der Begriff der „Stoffreduktion“ nicht mehr sooo geläufig. Ende März durfte ich mal wieder einen Vortragsimpuls im Rahmen des Ausbilderzertifikats beim Deutschen Fußball Bund halten. Auftrag: „Etwas zur Stoffreduktion beisteuern, um Vertiefung zu ermöglichen!“ 😊. Zum ersten muss man feststellen, dass das Thema ein Klassiker ist und bleiben wird, denn: Immer dann, wenn Lehrexperten (in einem Fach) auf Lehrnovizen treffen, ist ein Mindestmaß an Theorie, an Konzepten oder an begrifflichem Instrumentarium notwendig, um die Welt (um die es geht) unterscheidbar zu machen. Man muss also selektieren (was überhaupt relevant ist), verdichten (auf Elementares hin) und aufbereiten (damit es anschlussfähig wird), insgesamt also etwas tun, was beim modernen „Lernbegleiter“ gern hinten runterfällt. Rein inhaltlich hat dazu Prof. Martin Lehner schon alles gesagt. Was also hinzufügen?

Der erste Hinweis ging in Richtung ‚Kompetenzorientierung‘, denn die Stoffreduktion hängt ja nicht in der Luft. Damit ist die Forderung verbunden, sich die Anforderungssituationen genauer anzusehen, in denen man handelt. Die Trainerphilosophie Deutschland für Kinder / Jugendliche stellt z.B. die individuellen Qualitäten ins Zentrum (Selektion) und fokussiert sich dann auf Freude, Intensität und Wiederholung als den drei tragenden Säulen (Reduktion). Am Ende nennt man das „Bolzplatz“, was metaphorisch konzentriert, um was es geht. Frage in die Runde: Was heißt das jetzt für die Ausbilder-Trainer-Beziehung (vs. Trainer-Spieler-Beziehung), also, wie Ausbilder das so vermitteln, dass Trainer (K/J) das verstehen, anwenden und an ihre Spieler weitergeben können?

Zum zweiten Hinweis galt dem Zusammenspiel von Inhaltsauswahl, Vermittlung und Sicherung, weil der Stoff sich in der Vermittlung bewähren muss und die Frage legitim ist, wozu der Stoff einen Beitrag leisten soll: zum Verstehen, zum Lehrkönnen oder zum Transfer auf neue Problemstellungen. Das ist nicht neu, aber immer wieder erlebe ich Kollegen (auch an Hochschulen), die denken, nach der Stoffdarbietung ist das Ende aller Pflichten getan.

Und schließlich gab es da noch den dritten Hinweis zur Teilnehmerorientierung. Normalerweise denken wir ‚Teilnehmerorientierung‘ immer vom Teilnehmer, der Teilnehmerin aus. Aber man muss eben auch sehen, dass wir dem Teilnehmer potenziell schaden, wenn das Konzept „verwässert“ – einfach, aber nicht zu einfach, sagt Meister Einstein. Andersherum: Der Stoff darf aber auch nicht zu schwierig sein, sonst erzeugt er keine Resonanz. Und jetzt kommt meine Emmi ins Spiel, sie repräsentiert die Teilnehmenden: Emmi ist ein Kleinkind von 2 Jahren, hellwache Augen. Wenn ich ihr mein Expertenwissen erkläre (symbolisiert durch einen Ferrari, 480 PS, querliegender 8-Zylinder, Niederquerschnittsreifen, etc.) rollt sie die Augen. In den Köpfen der Emmi’s dieser Welt entstehen „gelbe“ Autos, Autos aus „Bauklötzen“, „schematisch 5 Quadrate“ und „4 Orangenscheiben“. Bei „4 Orangenscheiben“ ist in der Regel Schluss, da sagt jeder Experte: „Liebe Emmi, das hat nun wirklich nichts mit meinem Ferrari zu tun!“ ABER, jetzt beginnt die vornehme Aufgabe des Ausbilders, der Ausbilderin, z.B. so: „Du hast vier runde, rollende Elemente erkannt, genau das sind meine Ferrari-Reifen!“ (visuelle Ähnlichkeit, funktionale Analogie). Oder: „Du hast den Ferrari von oben gemalt, da sieht man die vier Reifen und das rote Dach sehr schön!“ (Perspektivenwechsel). „Du hast alle Elemente eines typischen Autos zusammengetragen, Reifen, Fahrerkabine etc.“ (Pars pro Toto) und du hast das Auto gemalt, mit dem dich dein Onkel letzte Woche zur Schule gebracht hat (Geschichten).

Was ich sagen will: Stoffreduktion klingt dröge, eröffnet aber interessante Gesprächsoptionen, die vor allem das Selbstverständnis der Lehrnovizen ans Licht holt und Verbindungslinien zieht von Kompetenz bis KI. Am Ende fragte jemand: Kann man Stoffreduktion jetzt nicht kinderleicht mit KI machen? Meine Antwort:

Nur wer mit seinem Stoff vertraut ist, kann Vertrauen bei den Teilnehmenden schaffen.

Ohne dieses Vertrauen ist die Beziehung in Gefahr. Beziehung, … weit weg vom ‚Stoff‘ und doch so nah.

Erinnerungen also, soso …

Letzte Woche war ich mal wieder beim Deutschen Fußball Bund e.V. zu Gast, um vor ca. 50 VerbandssportlehrerInnen und Bildungsverantwortlichen einen Beitrag zum Thema „Wirksames Blended Learning“ zu leisten. Bevor jetzt die meisten gähnen, alter Hut und so … es geht darum, wie man die Ausbildung von Trainerinnen und Trainern (a) kompetenzorientiert aufbaut, wie man (b) dazu Digitalisierung didaktisch passend einbringt und (c) das Ganze fach- und fußballspezifisch umsetzt. Und ehe ich‘s vergesse: Es sind nicht 50 oder 500 Personen, die das da machen, sondern 50.000, ein Tankerprojekt, verstreut auf viele autonome und selbstbewusste Landesverbände. Da ich viele ZuhörerInnen schon lange kenne, hatte ich meinen Impuls „Erinnerungen“ genannt, von der Erzählung her alles Akademische vermieden und stattdessen von ‚Liebestötern‘, ‚Fahrradflicken‘ und ‚Lebertran‘ gesprochen – Bildersprache also, um produktiv aufzuwühlen. Beim Sprechen hatte ich selbst eine Erkenntnis (die ich vorher nicht hatte): TrainerInnen bitten um Veränderung, deshalb Trainerentwicklung.

Um zu verändern, muss man als AusbilderIn zu seinen Trainern sagen können: „Du bist ok so wie du jetzt bist.“

Veränderung (in Richtung Hochleistung) setzt voraus, dass ich mich (als TrainerIn) in gewisser Weise vollkommen (angenommen) fühle – Dialektik pur.

[Anti]Festschrift

Zum 60ten Geburtstag von Gabi Reinmann – sie leitet das Hamburger Zentrum für universitäres Lehren und Lernen Hashtag#HUL – ist eine Festschrift entstanden (freier Zugang). Die Herausgeberinnen Univ.-Prof.’in Dr.’in Sandra Hofhues, Eileen Luebcke und Mandy Schiefner-Rohs bringen unter der Trias ‚Medien, Didaktik, Hochschule‘ Beiträge von Weggefährten zusammen, u.a. zur Hashtag#Entwurfsforschung, Hashtag#Wissenschaftsdidaktik und Hashtag#KI. Das ist schön, vor allem für Gabi! Schön ist auch, dass ich zusammen mit Dominikus Herzberg einen Artikel beisteuern konnte („Wir habenda ein ungutes Gefühl – Anmerkungen zur generativen Ki im Bildungskontext“). Dominikus und ich haben dazu fast ein Jahr gesprochen, immer wieder neue Perspektiven erwogen und verworfen, haben uns verrannt und gegenseitig überrascht. Am Ende mussten wir uns sputen. Mit dem Ergebnis sind wir ‚zufrieden‘, immer noch. ‚Glücklich‘ gemacht hat aber der Prozess, der ‚Dialog mit Dominikus‘, nicht mit Claude & Co. Wir haben viel gelacht, gedacht und geschwiegen.

Erlebte Erfahrung

Neulich gabs auf ARTE einen Beitrag mit dem Titel: „Der gefährlichste Schulweg der Welt“. Gezeigt wurden drei Kinder in Kirgisistan, die 1 ½ Stunden zur Schule gehen müssen (und wieder zurück), über vereiste und einbruchgefährdete Flüsse, vorbei an wilden Tieren, bei bis zu 20 Grad Minus, wenn‘s gut läuft. Die Schule geht dann bis 14 Uhr, einmal im Monat fällt die Heizung aus, ab diesem Jahr gibt’s kein Mittagessen, weil der Staat sparen muss. Zurück über Stock und Stein, nach dem Abendessen wartet noch etwas Arbeit im Stall und die Hausaufgaben wollen auch gemacht sein. Um 22 Uhr ist Ruh, man sieht liebevoll umsorgte Kinder mit großen Träumen, sie wollen alle auf die Universität, wollen Richterin, Unternehmer oder Ärztin werden. Ich dachte nur, wie krass: hier im Norden von Deutschland schließt man vorsorglich alle Schulen, wenn es mal intensiver schneit, sorgt sich in den NDR-Nachrichten ernsthaft um „Leib und Leben“, wenn Regen auf den gefrorenen Boden fällt. Einfachste Selbstsorge z.B. durch Schuhkrallen sind einfach zu viel. Solche Beiträge wie oben erinnern mich daran: Riskieren muss man lernen, Fallen muss man lernen, Vertrauen muss man lernen. Nicht nur im Schnee und nochmal neu in einer KI-geformten Welt, in der ‚erlebte Erfahrung‘ zur Achillesferse wird.

2026 – Jahr des Musizierens

Zwischen den Jahren wird die Zeit ein wenig anders. Die Raserei hat ein Ende und der neue Anfang ist noch einen Steinwurf entfernt.

2025 war eines dieser Aufräum- und Abschlussjahre. Ich war im Außen weniger präsent, also das, wonach man im Small Talk so fragt, aber im Innen – im Möglichkeitsraum – habe ich einiges beweglich(er) gemacht. Im Vergleich zu 2024 gaben sich vor allem das Abschließende und Aufkeimende die Hand.

Wenn ich in meinen Blog schaue, dann spielt für das Beweglichmachen unter anderem Klaus Eidenschink eine zentrale Rolle; hier ein paar Spuren: Neben dem Lesen seiner Bücher waren es der Besuch im Züricher Museum mit der Frau an der Wand, das Videoreferat über Ohnmacht, ganz besonders natürlich die dreitägige Weiterbildung in der Schweiz über die Metatheorie der Veränderung (MdV) und schließlich die sonntäglichen „Einseiter“ hier auf LinkedIn, die mich in Bewegung gebracht haben.

Eidenschink ist nix für Angsthasen: Seine Worte verstören, fördern das Ungleichgewicht und führen manchmal zu Schnappatmung, in einem Wort: Er entweiht respektvoll das, was einem heilig ist. Aber er sagt es ja selbst, „alles Leichte ist schwer, bevor es leicht wird“. Am Ende ist es wie in der Musik, wie bei einem Musikinstrument: Wir sind findige Musiker, empfindsame Klangkörper und klingendes Orchester, alles in einem, wir müssen (uns) üben, nur vergessen wir das immerzu.

Ob ich Vorsätze habe für 2026? Neugier ohne Gier, Disziplin ohne Zwang und viel musizieren, genau, viel musizieren!

Was machen wir da eigentlich?

Was macht man mit einem einjährigen Sabbatical?  Vielleicht eine Weltreise? Rückzug und Sich-Finden? Konzentration auf Familie? Es gibt viele Wege.

Bernhard Warsitz, Lehrer in München, macht das, wovon er immer schon träumte: Er macht einen Film, und zwar einen, der ‚Bildung‘ thematisiert.

Ausgangspunkt ist die Frage: „Was machen wir da mit unseren Kindern“? Vor allem in der Schule: Notenangst, unproduktiver Vergleich, Scharm, Erschöpfung, Ohnmacht, Ritzen bis zu Suiziden. Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen dem weltweiten Anstieg von Autoritarismus und einer „Schule“, die prägt?

Warsitz macht sich auf, mit kleinem Kamerateam, selbstfinanziert, besucht ein Kinderhaus in Rumänien, Schulen in Indien und Bildungsorte in Afrika. Er interviewt Kinderärzte, Psychologie-Professoren, Fachleute der Schule – weltweit.

Das meterweise Filmmaterial wird von zwei Schülern gesichtet, geschnitten, vertont: eine Meisterleistung. Eine Schülerin steuert handgemalte Grafiken bei, die das Verstehen auch komplexer Botschaften erleichtert.   

Anfang November habe ich mir den Film in München mit ca. 200 anderen Menschen angesehen. Ich war gerührt und aufgewühlt, habe es im Nachgang ein „Aufklärerisches Kunstwerk“ genannt.

Und, für wen ist das was? Ich kann mir gut vorstellen, dass man diesen Film zusammen anschaut: im Lehrerkollegium, in Ausbilderkreisen (Lehrerbildung) in der Elternrunde. Und dann mal diskutiert.

Wir in München haben es im Übrigen im Programmkino gesehen und haben uns dann ums Eck bei Bier & Fanta getroffen. Weiterbildung kann so anders sein.

Nächste Vorstellung ist im Übrigen am 13.12.2025, Tickets gibt’s hier.

WISSENSmanagement

Seit einiger Zeit hat das Thema Wissensmanagement wieder an Bedeutung für mich gewonnen. Mit „Wissen“ wird eine sehr alte und philosophisch durchwalzte Kategorie benutzt, die Körperliches, Geistiges, Seelisches (je nach Lesart natürlich auch Emotionales und Kognitives) und Soziales unterscheidet und personales Wissen gegen öffentliches Wissen (Information, Daten) abgrenzt. Mit diesem Inventar kommt man recht weit, für den Hausgebrauch reicht es allemal. Dass man all dies auch „managen“ kann, ist eher Ausdruck eines Wunsches, vielleicht auch Hybris. Doch in modernen Organisationen ist man fest entschlossen, Wissen zu sichern, es zu vermitteln, es zu kreieren, auf jeden Fall zu nutzen … es muss halt „fließen“, das Wissen, damit es alle Prozesse der Wertschöpfung im Unternehmen unterstützt. Das würde auch gut klappen, wenn nicht der Mensch auf unheimliche Art mit seinem Wissen verschmolzen wäre. Aber Management ist keine Therapie, da gibt’s also Spielräume, die es zu erkunden gilt.

Was 2025 im Wissensmanagement so geht (ich habe 2004 dazu promoviert, lange her), konnte ich auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Wissensmanagement e.V. in Berlin erfahren. Ich möchte zwei meiner Erfahrungen teilen:

Zum ersten hat mir der Impuls von Victoria Köstner sehr gefallen. Die erfahrene Trainerin stellte ihr Konzept vor, wie sie Wissenstransfer im Unternehmen durchführt bzw. moderiert. Zum Einstieg offenbarte sie im launigen Story-Telling-Ton, sie habe mit ihrer Bachelorarbeit festgestellt, dass die Bereitstellung von noch so ausgefeilten Informationen nicht zum Handeln der Mitarbeiterinnen führe. Ein weiteres Studium der Psychologie musste also her, um mehr zum impliziten Wissen zu erfahren. Genau das schlägt sich offenbar in ihren aktuellen Arbeiten nieder, denn Geschichtenerzählen ist ein zentraler (wenn auch nicht alleiniger Teil) des Umgangs mit „Erfahrungswissen“. Wie man Erfahrungswissen hebt und systematisch in die Organisation einbindet – auch mit einer zeitlichen Lücke zwischen Gebenden und Nehmenden – war Gegenstand ihres Impulses. Kritisch nachgefragt wurde, was man tun kann, wenn nicht zwei Personen zu moderieren sein, sondern 4000 Menschen in 100 Projekten gleichzeitig? Wo sind also die Konzepte, wenn der Moderationsaufwand „explodiert“?

Zum zweiten hatte ich in einer Pause Gelegenheit, mit Pavel Kraus zu sprechen. Seine Anmerkung im Workshop, dass man einen „völlig neuen Ansatz“ bräuchte, um Wissen zu erfassen, machte mich neugierig, da ich aus meiner Siemenszeit im CKM um 2000 die Textfixierung ebenfalls als hinderlich empfand. Im Gespräch machte er klar, dass viel zu viel dokumentiert würde, es vielmehr darauf ankomme, zunächst herauszubekommen, was überhaupt wichtig und relevant ist. Diese Relevanz gelte es dann unternehmensweit potenziell sichtbar und zugänglich zu machen, und zwar so, dass sich Menschen (!) treffen würden. Mir war diese architektonische Entscheidung sofort klar, weil wir sonst in Information ertrinken, was nicht nur nix nützt, sondern schadet!

Mir haben diese beiden Impulse jedenfalls sehr geholfen, an meinem aktuellen Konzept zum Wissenstransfer weiterzuarbeiten, bei dem es mir neben dem „harten“ Wissenstransfer für große Gruppen auch und gerade um eine intergenerationale Zusammenarbeit (#jointgeneration) geht, denn, wie ich oben festgestellt habe: Der Mensch ist auf unheimlich Weise mit seinem Wissen verschmolzen. Gott sei Dank!

Wissenstransfer – eine Rezension

Vor gut 20 Jahre habe ich bei SIEMENS München im Wissensmanagement gearbeitet, da ging es auch schon um „Wissenstransfer“, „Leaving Expert“ und natürlich um Analogien/Metaphern, um Brücken im Denken und in der Kommunikation zu bauen. Mit dem Besuch bei der Cogneon Academy (siehe letzter Post) bin ich wieder in die Themenwelt hineingesprungen, in der ja auffallend viel von Lernen, aber so gar nicht von ’sich bilden‘ gesprochen wird. Das kommt noch ;-).

Hängen geblieben bin bei einem Beitrag von Erlach & Mittelmann zum „Wissenstransfer“, einschließlich des gleichnamigen Buches. Grund genug, mir das Buch genauer anzusehen und – ganz klassisch – eine Rezension zu verfassen. Ahoi!

Buch: Erlach, C., Mittelmann, A., Nakhosteen, C., della Schiava, M. & Terhoeven, G. (2025). Praxis Wissenstransfer – Erfolgsstrategien und bewährte Lösungswege. Hanser: München.

Worum geht es? Dass 20 Millionen Baby-Boomer in Rente gehen, ist schon länger bekannt. Aktuelle Meldungen aus den Nachrichten machen den Bedarf noch mal anders greifbar: BOSCH entlässt über 10.000 MitarbeiterInnen, u. a., weil die Automobilindustrie lahmt. Mit dem Weggang dieser MitarbeiterInnen geht auch erfolgskritisches Wissen und Können verloren: wie man Maschinen wartet, wie man Netzwerke pflegt, wie man Menschen führt oder Aufträge akquiriert – die Liste ist lang. Mit welchen Methoden und Strategien sich dieses Wissen aus Sicht der Organisation effizient und menschlich angemessen sichern und weitergeben lässt, darum geht es beim Thema „Wissenstransfer“.

Was ist das Ziel? Das Autorenteam Erlach, Mittelmann, Nakhosteen, della Schiava und Terhoeven hat mit dem im Hanser-Verlag veröffentlichten Buch „Praxis Wissenstransfer“ seine langjährigen Praxiserfahrungen (etwa 700 Transferfälle) zum Thema gebündelt, gegenseitig validiert und macht es Interessierten aus HR, Wissensmanagement, Leadership, insbesondere aber den sogenannten Wissenstransfer-BegleiterInnen, zugänglich. Mit dem Ergebnis sucht das Autorenteam nach eigenen Angaben einen Spagat zwischen Rezept und Lexikon (S. 4).

Was ist das Besondere? Warum „Rezept“, warum „Lexikon“, warum „Spagat“? Warum sagt das Autorenteam nicht einfach, wie es geht? Nach dem Motto: Wenn eine Führungskraft das Unternehmen verlässt, dann kannst du das Wissen mit folgenden sieben Schritten sichern! Weil es eben so einfach nicht geht, denn jede Transfersituation ist so einmalig wie die Menschen, deren Wissen man „transferieren“ möchte, und das verbietet alles Rezept- und Formelhafte. Gleichzeitig muss man aus Effizienzgründen darüber nachdenken dürfen, wie man ähnliche Fälle mit gleichen Methoden bearbeitet oder mehrere Problemsituationen zu Mustern von bewährten Methoden verknüpft, was – im vorliegenden Buch – mit einer Art „Mustersprache“ gelingen soll. Mustersprache – spätestens ab hier merkt man: Das Buch richtet sich ganz besonders an die oben erwähnten „Wissenstransfer-BegleiterInnen“, die mit einem hohen professionellen Anspruch und methodischem Ethos ihrer Arbeit nachgehen.

Was bietet das Buch nun? Das Buch bietet mit seinen Methoden und Praktiken für den individuellen Wissenstransfer sowie ergänzenden Elementen zur organisationsweiten Steuerung des Themas einen umfassenden Blick auf das Phänomen und seine Anforderungen. Die Darstellung von Methoden und Praktiken folgt bewusst keinem Problem-Lösungs-Muster, einem Malen-nach-Zahlen, sondern ist in Form der genannten Mustersprache aufgebaut. Neben einer kurzen (a) Einleitung zu jeder Methode gibt es (b) eine zentrale Fragestellung, die mit (c) Spannungsfeldern verknüpft wird. Die Spannungsfelder haben vor allem die Funktion, für die oft widersprüchlichen Bedingungen einer Situation zu sensibilisieren. Erst dann wird man mit (d) der Lösung konfrontiert, zu der (e) sog. Stolpersteine genannt werden, die typischerweise in der Praxis auftreten. So vorbereitet, liest man (f) ein reales Beispiel aus der Praxis. Das Muster endet mit Verweisen auf andere Muster, um kreativen Anschluss und ordnende Abgrenzung zu ermöglichen. Nach dieser Logik finden sich dann Muster zum Wissenstransfer mit und ohne Transferbegleitung, zwischen Führungskräften, im internationalen Kontext oder in einer Neuorganisation, um nur wenige der insgesamt 49 Beispiele für individuellen und organisationalen Wissenstransfer zu nennen.

Was leistet das Buch (nicht)? Das Buch leistet mit seinen vielseitigen Beispielen aus der Praxis des Wissenstransfers in Organisationen (nicht nur Wirtschaft), einschließlich der Leitfragen und rahmenden Bemerkungen zum Wissensmanagement eine anschauliche und erfahrungsgesättigte Basis zu realen Herausforderungen und damit eine gute Orientierung für Menschen, die einen Zugang zu diesem besonderen Aufgabenfeld suchen. Leider enthält das Buch wenig Hilfen zum Einsatz von unterstützenden Technologien; die Potenziale der generativen Künstlichen Intelligenz werden gänzlich ausgespart. Für Interessierte dürfte die „Mustersprache“ anregend sein, denn die Erweiterungen einer klassischen Problem-Lösungs-Beschreibung um die Spannungsfelder und Stolpersteine nötigen zu einem eher reflexiven statt reflexhaften Vorgehen, was der Ausbildung und Kompetenzentwicklung von Wissenstransfer-BegleiterInnen Vorschub leisten kann. Allerdings gibt es auch dazu ein „Aber“: Die Mustersprache von Christopher Alexander bringt neben den Vorteilen auch große Herausforderungen mit sich. Blicken wir dazu kurz auf ein verwandtes (mir gut bekanntes) Feld: So empfinden viele HochschuldidaktikerInnen, die ebenfalls ihre Methoden intelligent ordnen wollen, die Arbeit mit den Mustern als zu „theoretisch“ oder starr; es treten auch Redundanzen auf, die vor allem die Spannungsfelder und Stolpersteine betreffen. Es wird kritisiert, dass die von Alexander eingebrachten „Lebenseigenschaften“ in seinem Originalwerk beim Transfer in andere Kontexte ausgeklammert werden, was das emergente Potenzial der Mustersprache zu kappen droht (vgl. Bauer, 2014). Es bleibt also in der Wissensmanagement-Community zu diskutieren, ob die Mustersprache im Buch von Erlach und Mitautoren ein nützliches Mittel ist oder ob der Theorieimport aus der Architektur eher belastet, zumal in einem Buch, das „fast ohne Theorie“ auskommen wollte (S. 3).

Frank Vohle, Hamburg

Literatur:

Bauer, R. (2014). Didaktische Entwurfsmuster. Diskursanalytische Annäherung an den Muster-Ansatz von Christopher Alexander und Implikationen fü r die Unterrichtsgestaltung (Dissertation). Alpen-Adria Universität Klagenfurt, Klagenfurt. Abgerufen von http://tinyurl.com/o4ywqxr

Wissenstransfer, Debriefing & Leaving Experts – Besuch bei der COGNEON Academy

Ich sitze inmitten der Nürnberger Altstadt „beim Brasilianer“, esse ein köstliches Steak und trinke dazu ein halbes Helles. Um mich herum sprechen die Menschen englisch. Das Abendlicht taucht den belebten Platz in ein Gelb. Und mit jeder Minute mehr gerate ich in den magischen Zustand, wo man nicht mehr auf Details achtet, sondern das Zusammenspiel der Sinne genießt. Ihr wisst was ich meine 😉.

Hinter mir liegt ein Weiterbildungstag bei der Cogneon Akademie; es ging um das Thema „Wissenstransfer“. Eingeladen hatte Simon Dückert, der gekonnt durch den Tag moderierte. Am Ende werde ich sagen: Cogneon denkt die Dinge zu Ende, was u.a. an der wirklich perfekten Technik des Hybrid-Formates liegt: Man sollte sich das abschauen, sonst gibt das nix mit der Online-Hochkultur!

Was habe ich vom Tag an Inspiration mitgenommen?

Zum ersten entstand in einer Pause ein interessantes Gespräch zum „Impact von KI für unsere Gesellschaft als Ganzes.“ Einer der Tn, (ein KI-Experte) sagte einen völligen Wandel der Spielregeln unserer Gesellschaft voraus; wir nahmen die Risiken in den Blick. Beispielhaft machte er das daran fest, dass die „Juniors“ durch KI eine harte Konkurrenz bekommen, was ihre Jobs gefährdet. Wenn keine Berufsanfänger mehr nachwachsen, die ihre eigene Erfahrung sammeln, haben wir ein Problem, was mit „Intergenerationenversprechen“ noch unzureichend beschrieben ist.   

Eine zweite Inspiration habe ich von Simon mitgenommen. Er berichtete im informativen Plauderton über audio-dokumentierte Expertengespräche, die mit KI transkribiert werden. Kennen wir. Neu war für mich „der nächste Schritt“: Fügt man Buchwissen z.B. zum „Impliziten Wissen“ hinzu (Polanyi & Co) können Anwender den „Corpus“ in unterschiedlicher Weise durch KI weiternutzen: sich daraus eine FAQ-Liste erstellen lassen, ein Angebot für einen Kunden generieren, einen Onboarding-Prozess in türkischer Sprache gestalten. Das Neue waren sehr unterschiedliche Anschluss-Szenarien auf der Grundlage EINES Corpus.

Die dritte Inspiration kam in der Sitzung von Christian Keller, der im Kontext eines Experten-Debriefings das Instrument „Wissenslandkarte“ vorstellte. Genauer ging es darum, ob ein MindMap durch KI auch „in Echtzeit“ generiert werden kann und sollte! Dass KI das Gespräch aufnimmt, transkribiert, visualisiert und direkt in das Gespräch zurückspielt, wurde zumindest methodisch kontrovers diskutiert. Anders herum waren wir uns einig, dass KI wunderbar dabei helfen kann, Wissenslandkarten vorzubereiten, indem sie mit spezifischen Kontextwissen angereichert werden, was der Moderation helfen kann.  

Also ein lohender Tag, der mit dem „Zusammenspiel der Sinne“ schön ausklingt. Warum ich das Essen im Einstieg so betone? Ich glaube es taugt als Analogie um tiefer zu verstehen, wie und warum Experten ihr persönliches Wissen preisgeben: Man muss in gewissem Sinne vergessen (Details), um sich an Wesentliches (Form) zu erinnern.

Werkstolz … gibt’s das noch?

Wann warst du das letzte Mal auf etwas „stolz“? Der Begriff wirkt ein wenig aus der Zeit. Ich versuche es trotzdem mal, ich war stolz als ich …

  • als Jugendlicher den Tennisball stundenlang einsam und allein gegen die Wand schlug und irgendwann zu mir sagt: Schau Frank, jetzt geht es ganz leicht!
  • als wir die Trainer-Absolventen (A-Stufe) sagen hörten: Mein Portfolio-Poster zur Projektphase ist so krass, das hänge ich mir über mein Bett.
  • als ich nach 19 Jahren Abschied aus dem Operativen von Ghostthinker nahm und sagen konnte: Wir hatten An-Teil daran, das die TrainerInnenbildung im Sport heute anders aussieht.
  • als ich neulich in der Schweiz an einem heißen Tag meine Arme in einen kühlen Brunnen hielt, die Augen schloss und tief empfunden sagen konnte: Ah, wie schön.

    Viele dieser Situationen haben einen „Anstregungskern“. Ich habe Goethe im Kopf, der sagt: „Erwirb es dir, um es zu besitzen“. Nur die letzte Situation kennt keine Leistung. Da bin ich stolz auf eine Eigenschaft, die ich geschenkt bekommen habe.

    Wahrscheinlich war AUCH aus all dem Vorgenannten etwas im Spiel, als Gabi (Reinmann) und ich den Artikel „Werkstolz mit KI“ (Impact Free) geschrieben haben. Beim Nachdenken hat eine Maschine geholfen. Das hat Konsequenzen. Vielleicht ist das ein Impuls zur neuen „Anstrengungskultur“ im KI-Zeitalter. Der aktuelle Impact Free-Beitrag ist ein Einstieg zum An- und Weiterdenken.