Kreativität

Wild Duck oder besser: Exzellenz für alle!

Kurz vor Weihnachten bin ich im Internet über Gunter Dueck „gestolpert", soll heißen: ich kannte den guten Mann vorher nicht und beim Surfen bin ich dann beim re-publica Vortrag gelandet. Anfänglich fand ich den slapstickreifen Vortragsstil amüsant, viele „ähhhs", „ich will doch nur sagen" oder „verstehen Sie mich richtig". Aber das ist nur die Oberfläche! Inhaltlich bietet Dueck provozierende Kernthesen: (a) Die Dienstleistungsgesellschaft wird sterben und (b) ohne wirkliche Professionalität können wir einpacken. Nach dem Videovortrag habe ich mir zwei Bücher von ihm bestellt und zwischen den Jahren gelesen: In „Aufbruch" und „Empirische Philosophie" wird u.a. erläutert, wie sich Duecks das mit dem Niedergang der Dienstleistungsgesellschaft genau vorstellt. Zentral ist die Beobachtung, dass fast alle Arbeitstätigkeiten, ausgehend von der Landwirtschaft über die Industrie bis eben auch Dienstleistungen, vermessen werden können. Der Computer (das Intenet) schafft dann das, was in der Landwirtschaft einst der Traktor geschafft hat: Standardisierung und (finanzielle) Optimierung nehmen ihren Lauf. Am Ende dieser Entwicklung finden sich - so Duecks - zwei Klassen von Menschen wieder: Billigarbeitskräfte, die für 8,- Euro Lohn die Stunde (bestenfalls) einfache Tätigkeiten verrichten, und die Premiumklasse, die sich mit nicht-standardisierbaren Problemen für hohe Honorare verdingen. Man folgt Duecks an dieser Stelle nur unwillig, einerseits weil man in die aufblühende Dienstleistungsgesellschaft große Hoffnung steckt, andererseits, weil man das Endszenario vom Dump & Premium moralisch nicht akzeptieren kann. Aber seine Argumentation erscheint mir zwingend und durch viele Beispiele geerdet.

Einen „Ausweg" aus dieser schwierigen Situation (Existenz!) sieht er in einer radikalen Steigerung der Bildungsaktivitäten. Schulen seien aber - was ein Wunder - auf diese Herausforderungen nicht vorbereitet, dort würde man sich noch um den eindimensionalen Menschen bemühen, d.h. dort geht es primär um die Befüllung der mentalen Festplatte mit Fakten. Genau diese Faktenkompetenz sei aber nicht das, was in einer Gesellschaft der Professionellen (Wissensgesellschaft) gebraucht würde! Unter Professionalität versteht er das Zusammenspiel sehr unterschiedlicher Kompetenzen, wobei er nicht das Begriffsgerüst der wissenschaftlichen Diskussion aufnimmt, sondern unterschiedliche Ansätze wie Kreativität, Teamkompetenz, Willensbildung, Begeistung, Empathie, emotionale Kompetenz etc. „mischt", so wie es eben in der (Wirtschafts)Praxis gebraucht werde und wie es praktisch handhabbar sei. Obwohl ihm die Unterschiede der Menschen, deren Charakter und mentalen Vorlieben, sehr bewusst sind (in seinem Buch Empirische Philosophie unterscheidet er 16 Typen mit Untergruppen) pendelt sich das Bildungssoll doch irgendwo bei einem „entrepreneur" ein, der Probleme kreativ lösen, Teams empathisch leiten und Produkte/ Dienste mit guter „Perfomance"verkaufen kann. Vor dem Hintergrund dieser anspruchsvollen Zielfunktion misstraut er allen klassischen Bildungsinstitutionen. Vielmehr sieht er neue Bildungsmöglichkeiten „im Netz", die viel mit Video zu tun haben, dem neuen Leitmedium der jungen Menschen.

Was soll man nun davon halten, vom ehemaligen Chief of Technology (bei IBM) und Matheprof., von seinen Thesen zur Dienstleistungsgesellschaft, den Forderungen nach einer radikal anderen Bildung, dem „Aufbruch"? Die Analyse zur Dienstleistungsgesellschaft ist echt lesenswert, mir waren die Abhängigkeiten, (Optimierungs-)Mechanismen und Folgen vorher nicht so klar. Der Aufruf zu einer anderen Bildung (multiple Kompetenzen) ist von der Stoßrichtung nicht neu, neu ist die skizzierte Bedrohungslage und die geforderte Radikalität nach dem Motto: Wenn wir das nicht schaffen, gibt es sehr viele Verlierer. So bleibt Duecks Ansatz für mich unterm Strich "düster" (hmm, passt auch nicht so recht): einerseits weil er die Entwicklung in dunklen Farben zeichnen (ok, das ist die nüchterne Analyse), andererseits weil seine Vision von der neuen Bildung, der „Exzellenz für alle!", neben den Forderungen nach multiplen Kompetenzen (s.o.) und Netzinfrastruktur in der UMSETZUNGSperspektive dünn bleibt. Es fehlen Strategien für die JETZIGE Schule, die JETZIGE Universität oder aber Transformationsstrategien. Transformation? Machmal - so Duecks - ist es besser, wenn man ganze Teile eines Systems zerstört; dann, so sein mathematisches Kalkül, wird sich das System effizienter neu „einpassen".

Hmmm, ich verlasse Duecks Analysen und Visionen mit gemischten Gefühlen. Seine Bücher (es gibt noch mehr, eher philosophisch z.B. seine Trilogie) waren mir über Weihnachten und Neujahr ein ständiger Begleiter, auch ein paar Mails mit dem Autor selbst waren dabei. Aber trotz Düstergefühle: Ich nehme Vieles mit von diesem „Wild Duck", z.B. den Mut, das Nichtmessbare (vgl. unsere Vereinstagung, 2007) ins Zentrum aller Bildungsbemühungen zu stellen. Ein guter Start in das Jahr 2012.  

Farben malen

Gerade bin ich auf die Seite von Jack Pollock gestolpert. Da kann man sofort loslegen und ein "einzigartiges" Bild malen ;-) Keine große Sache, aber nett. Vielleicht ist das was für das geplante Kinderprojekt. Also hier geht es zu Jack ...

Junior Campus, München

Gestern wurde ich in die neue BMW Welt bestellt, um eine erste Führung im Junior Campus zu erleben. Ebenso ging es darum, als Lernexperte (ich bin im Speaker Board) Journalisten gegenüber Rede und Antwort zu stehen. Gabi und ich haben vor ca 5 Jahren die ersten konzeptionellen Schritte mitbegleitet und nun ist es in der Tat erstaunlich, was da auf gut 400 Quadratmetern entstanden ist. Das Team um W. Berchtold (spiel & sport team gmbh) hat sich auf der konkreten Ebene vieles und auch gutes einfallen lassen, um mobilitätsbezogenes Wissen für Kinder attraktiv aufzubereiten und interaktiv-handlungsorientiert erlebar zu machen. Besonders befriedigend war für mich, dass das Thema Analogien so einen hohen Stellenwert bekommen hat ;-), Hermann Rüppell hätte seine wahre Freunde. Man wird jetzt sehen, wie das Konzept von den Kindern angenommen und vor allem auch von Lehrern aufgegriffen wird. Genügend Ankerpunkte im Lehrplan gibt es jedenfalls. Auf jeden Fall ist das Ganze ein neues Segment für das ausserschulische Lernen - hier aber in enger Kopplung zur Schule gedacht. Natürlich sind wir mit diesem Projekt mitten drin in der Diskussion von Ökonomie und Bildung. Ich denke aber - und dies ist ein Standpunkt - dass man als Pädagoge gut beraten ist, an den faktische Entwicklungen in unserer Gesellschaft zu partizipieren, um seine Ideen genau hier in adäquater Form einzubringen. Was damit aber auch gleichzeitig einsetzen muss ist eine Diskussion darüber, wie man den "Grenzverkehr" zwischen Schule und Unternehmen "für beide Seiten produktiv" gestalten kann und muss.

GMW 2007 - Eindrücke

Von Mittwoch bis Freitag waren Gabi und ich in Hamburg auf der diesjährigen GMW Tagung. Startpunkt war der Mittwoch und da ist mir die „schwere“ Rede von Rolf Schulmeister in Erinnerung. Man muss verstehen: Schulmeister hat sich 40 Jahre für eine verwegene Idee mit Namen Bildung krummgelegt, mit aufrechten und stolzen Gang versteht sich. Ich kann nicht verschweigen, dass mir die Tränen in die Augen kamen, als Schulmeister am Ende seiner kurze Bildungsskizze bei Sisyphus ankam, an der tiefen Einsicht (oder Aporie?), dass Bildung keinen absoluten Maßstab kennt, kennen darf, sondern jeder dazu verdammt ist, diesen Letztgrund in sich selbst zu errichten (der Fels) – selten kommt Macht und Ohnmacht der Bildung so auf den Punkt. „Verwegen“ sind all diese Gedanken deshalb, weil die moderne Universität das Glück eines Sisyphusdaseins gar nicht mehr kennen will. Schulmeister nennt seine Thesen dann auch konsequent „Unzeitgemäße“ – Nietzsche hätte seine wahre Freude gehabt ... oder hätten sie gar zusammen geweint? Nun gut, … solche Momente wie am Mittwoch Abend bleiben im Kopf ... und im Herzen.

Zentrales Ereignis für mich war aber die Panelsdiskussion, die – Gott sei Dank – heil über die Bühne ging. Ich weiß nicht, ob die hochgesteckten Erwartungen erfüllt wurden: erstens war relativ wenig die Rede von konkreten (kreativen) Lernszenarien in der Hochschullehre, zweitens war vom Streitcharakter der Runde nicht so viel zu sehen. Damit spreche ich aber schon zwei Dinge an, die man vielleicht nicht hätte erwarten sollen. Wir wollten nicht kreative Lernszenarien ins Zentrum stellen, sondern vielmehr auf das Paradoxon hinweisen, dass eine kreative Lehre „alle“ wollen, sich diese allzu oft aber nicht einstellen will – und das hat viele Gründe. Hierfür Denkanstöße zu liefern war Ziel der Übung. Und ich meine, dass sowohl der Madorator Mario Heller, als auch die Panelteilnehmer dieses Feld gut aufgeschlüsselt haben. Das es dabei (wieder einmal) etwas allgemeiner, unspezifische und weniger streitlustig zuging, liegt vielleicht an der akademischen Bremse. Ja vielleicht ist es auch wieder an der Zeit, dass Format zu ändern, entweder in Richtung wissenschaftliches Kabarett oder … na! Gabi und ich haben uns bei der Zugfahrt dabei erwischt, über Dinge nachzudenken, über die jetzt mal andere nachdenken sollen ;-). Nach insgesamt vier Paneldiskussionen (Pöcking, Augsburg, Zürich und Hamburg) des Vereins Ö+B können wir feststellen: es ist viel Arbeit, man lernt interessante Leute kennen, man gewinnt ein „Thema“ neu, aber es ist auch mal gut, kein Panel im Folgejahr vor sich zu haben. So können wir uns 2008 auf ein schönen Besuch in Krems freuen.



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Dr. Frank Vohle, Am Loisachbogen 7a, 82515 Wolfratshausen. Erreichbarkeit: Tel. 08171481212 oder vohle@web.de.


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