Lernwerkstatt 2014: Überall wird gebastelt

Gestern war ich (zusammen mit Johannes) auf der Peer- 2-Peer Lernwerkstatt in Augsburg. Einladende waren Sebastian Schlömer von houserconsult und Frieder Ittner von ISB, die sich einen intensiven Austausch rund ums Thema Lernen, von der Methode irgend etwas zwischen „Chaos und Struktur“, vorgenommen hatten. Dem folgt man ja gern.

Der Tag hatte fünf organisierte Blöcke mit Themensetzungen: Open Learning (Sebastian Schlömer), Scrum (Sebastian Schneider), Social Video Learning (die Ghostthinker), Internet-Geschäftsmodelle (Andreas Mittermayer), E-Learning in der Beratung (Christian). Das war dicht UND sehr interessant, was vor allem an den gut informierten, authentischen Leuten lag und am intelligenten MIX der Themen. Man gewinnt einen Eindruck von der Komplexität des Lernthemas, eben durch Oszillieren zwischen politischen-ökonomischen-pädagogischen-didaktischen-informationstechnischen-entwicklungstheoretischen-businessbezogenen-strategischen AN- und HERAUSFORDERUNGEN, von Startup bis Großunternehmen.

Man erfährt also auf diesen Lernwerkstätten so einiges, vor allem über sich selbst, über sein eigenes Denken, den Grenzen und Begrenzungen, die man unweigerlich mit jeder Sozialisation mittransportiert. Was ist das Gegenteil von „offen“? Geschlossen. Was ist das Gegenteil von „selbstorganisiert“? Fremdorganisiert. Was ist das Gegenteil von „kostenlos“? Kostenpflichtig. So denken wir in Dualismen, schauen das Neue mit dem Blicken der Vergangenheit an und, und, und. Vielleicht gehört zu Lernwerkstätten immer auch ein Nachdenken über das eigene Denken, „Better thinking about thinking“ sagt Michael Lissack. Epi-Thinking, ein Wesenskern von Lernwerkstätten?

Seb & Frieder, vielen Dank für die Organisation des gestrigen Tages, es hat sich gelohnt!

Spitzensport meets Spitzenunternehmen: Eine Familienfeier anderer Art

OK, die Überschrift ist vollmundig, aber so ist das nun mal, wenn …? Wenn man Aufmerksamkeit auf ein Ereignis lenken möchte, dass wir erstmalig in dieser Form veranstalten: Es geht um ein Webinar, dass ich zusammen mit Torsten Fell (wissenschafftwerte.ch) am 21.07.2014 um 15 Uhr veranstalte. Inhaltlich soll sich alles um das Thema Social Video Learning drehen und die Grundidee ist, dass die Unternehmen etwas vom Sport lernen können, vice versa. Im Zentrum der Auftaktveranstaltung steht dabei, wie das Medium Video im Trainernachwuchsbereich eingesetzt wird: Zur Dokumentation, Reflexion, Kommunikation, Kollaboration, ganz generell zur Wissensentwicklung und wie man die vielen PS auf die Straße bekommt, also zur Anwendung von Wissen. Dahinter kann man einen Wissenskreislauf sehen, so wie ihn wissenschaftlich Probst in den 90ern aufzeigte oder wie er anwendungsbezogen aktuell auch von adidas fokussiert wird - um Spitzenleistung und Talententwicklung geht es beiden Seiten. Unser Interesse im Webinar gilt den Umsetzungsbeispielen und konkreten didaktischen Szenarien, wie der Sport also diesen neuen Ansatz für das Talent-, Lern- und Wissensmanagement nutzt, um seine Probleme zu lösen. Wer Lust hat dabei zu sein, kann sich hier im Kommentar oder auf facebook melden.

Wir provozieren mit Stil

Gestern waren wir auf der Abi-Verleihung unseres Sohnes. Hurra, hurra. Die Note? Ist doch egal, die wird völlig überbewertet … sagt? Professor Rüppell aus Köln, bitte alle mal zum Dante-Test.

So eine Abi-Verleihung ist feierlich. Da kommen die Schülerinnen und Schüler in eleganten Kleidern und im eng geschnittenen Anzug: Alles zwischen Gala und Cosmopolitan, schrecklich-herrlich. Ach ja, wir sind in Bayern, Lederhose und Dirndl dürfen nicht fehlen. Assoziationen zum Oktoberfest poppen auf.

Ich muss gestehen, dass ich mit einigen Vorurteilen dort hingefahren bin. Generation Y, Konformität und so. Irgendwie war ich dann doch überrascht. Der Blick in die rund 130 Gesichter zeigte zumindest eines nicht: Konformität. Dirndl, Lederhose und Anzug, alles im bunten Mix, auch soundmäßig (das Abholen der Zeugnisse wurde mit selbst gewählter Musik begleitet) von The Stones bis Mr. Bombastic. Ein junger Mann, artig mit Fliege, hatte gar die Schuhe ausgezogen, um sein Zeugnis in Empfang zu nehmen. Wir provozieren mit Stil. Straße war gestern.

Es war meine erste Abi-Feier. Bei meiner eigenen hatte ich „keine Zeit“. Kehrt man nach 25 Jahren zurück in die Schule, tritt ein eigentümlicher Effekt ein: Das, was einem in den Knochen steckt, wird lebendig. Insofern: Schule wirkt fort, von Freude bis Trauer. Hört man den wahrscheinlich immer gleichen Reden des Bürgermeisters, Stadtrats und Sparkassenleiters (selten Innen) zu, den „guten Wünschen für die neue Lebensphase“, dann spürt man sie: die Zeit.

Vom Nürnberger Trichter zum Wolfratshausener Sprachrohr

Am Mittwoch war ich auf der Frühjahrstagung der DGWF in Bremen. Dem Geschäftsführer Herrn Dr. Lehmann konnte ich im Vorfeld zur Tagung per Skype etwas von Social Video Learning erzählen und das fand er spannend, sehr, zumal er sich schon seit den 90 Jahren mit ersten (technischen) Ansätzen der Videokommentierung beschäftigt. Aktuell kommt sein Unmut über MOOCs hinzu, über die „Videobeschallung“, deshalb fallen ihm Ansätze auf, die auf Interaktion setzen. Die Videokommentierung, zumal mit einer „Social“-Kompenente wie bei edubreak, kommt also gerade recht.

Den Auftakt zur Tagung machte Rolf Schulmeister. Die ZEITlast-Studie, Determinanten des Studienerfolgs und Blockunterricht. Tiefe empirische Analyse und Strukturinnovation kommen da zusammen. Man hört andächtig zu. Im Nachgang habe ich Rolf gesagt, dass er seine statistischen Grafiken auch in einer Kunstausstellung unter bekommen würde, „Ästhetik der Zahl“, meinte ich ganz ernst, … er hat gelächelt, milde ;-).

Etwas später hat ein Professor von der Steinbeiss-Uni eine Art Totalmodellierung, Lehmann sagte „Engeneering“, zur Studiengangsplanung an die Wand geworfen. Ich war beeindruckt, aber auch verschreckt, läuft doch das betriebswirtschaftliche Kalkül immer Gefahr, den Systemzweck, die Bildung, zu trivialisieren. Das Moment der Freiheit lässt sich bis auf weiteres nicht vermessen.

Nach so viel „Meta“ war ich dran. Versprochen hatte ich Innenansichten, eben zum Social Video Learning. Dieses Mal hatte ich meine Grundlagenfolien um didaktische Szenarien ergänzt: Fallcoaching und e-Portfolioarbeit, Qualitätsentwicklung und Kooperation sowie Videoprüfung „ganz ohne Angst“. Ich denke. der zahlenlose Impuls war ein gutes Komplement zu den anderen Beiträgen.

Wolfratshausener Sprachrohre? Ja. Vor ca. 6 Wochen habe ich mit Herrn Olschewski telefoniert, ein Comic-Zeichner vom Ammersee. Der hatte seit Jahren eine schöne Zeichnung vom Nürnberger Trichter im Netz, die ich genutzt habe, um unseren edubreak-Ansatz abzugrenzen. Ich habe diesen (Nürnberger) Trichter nun konzeptionell ergänzt und … umfunktioniert, eben zu Sprachrohren, die die Kinder zur Kommunikation verwenden, „reframe learning“ nennen wir Ghostthinker das. Herr Olschewski aus Dießen hat diesen Vorschlag zur Bildergänzung ganz wunderbar gestaltet, finde ich (© Bild Olschewski).

 

Einfach Knopf drücken

Der Kern unserer Arbeit bei Ghostthinker besteht darin, Menschen in Bildungsorganisationen (insbesondere Sport) für „Social Video Learning“ zu begeistern und ihnen bei der tatsächlichen Umsetzung zu helfen, kurz: dass sie Videos drehen (auch Videos, auf denen sie selber zu sehen sind), dass sie Videos kommentieren (kommentieren heißt interpretieren) und dass sie Videokommentare von anderen kommentieren (re-kommentieren heißt aushandeln). Wenn man will, dann kann man in dieser „Videoarbeit“ bedeutsame Lernmöglichkeiten entdecken, angefangen von der Beobachtung zweiter Ordnung, über die Explikation von implizitem Wissen und das identitätsstiftende Aushandeln von Meinungen bis zur Schaffung von organisationaler Kohärenz. Das steckt also alles da drin, in diesem Social Video Learning – potenziell!

Zwischen dem Potenzial und der Realität gibt es freilich eine Kluft. Die ist in Sportkontexten klein, weil die Videokamera ein „Freund“ aller TrainerInnen ist, die bei der Beobachtung hilft. In universitären Kontexten ist die Kluft mittelgroß, weil das Thema Lernen „an sich“ dazu gehört und man sich mit guten Gründen nicht verweigern kann. In Ärztekontexten ist die Kluft z.B. groß, weil Ärzte berufsbedingt an eine Nullfehler-Kultur glauben (müssen), was aber den selbstreflexiven Umgang mit Fehlern und Videokamera erschwert.

In der Forschungswerkstatt von Peter Baumgarten haben wir über dieses Thema gesprochen, über den Umgang mit Videos, über die Bereitschaft (oder auch Verweigerung), Videos auch in informellen Situationen zu drehen. In Verlängerung hätten wir auch über die Bereitschaft sprechen können, warum man Videokommentare macht oder eben nicht. Das ist ein psychologisch interessanter Punkt, denn rein technisch ist es ja kein Ding, den Knopf zu drücken.

Nun ist die „Unlust zur Kommentierung“ nichts Neues. Man schaue sich nur die Weblogs an (selbst die wissenschaftlichen): Man erkennt, dass es nur Vereinzelte tun, im Übrigen Wiederholungstäter. Es sind diejenigen, die bereits im Netz unterwegs sind. Wer schweigt, der schweigt auch hier, wohlbegründet, interessenlos oder aus Angst.

Ich glaube, einer der wesentlichen Punkte beim Thema Kommentierung ist Vertrauen. Deshalb vermute ich in offenen Lernumgebungen weniger Kommentare als in geschlossenen. Ein anderer wesentlicher Punkt ist der Grad an Selbstzentrierung: Ganz schwer sind Bewerbungsvideos, in denen sich z.B. Schüler selber sehen und gegenüber einer sozialen Norm rechtfertigen müssen. Gut gehen Videos von Sportlern im Trainerkontext, in denen z.B. der Umgang mit einem Ball oder einem Schläger im Zentrum steht. Zwar sind die Akteure abgebildet, aber die Persönlichkeit steht nicht auf dem Spiel, sie ist dezentriert. Entsprechend leicht von der Hand gehen Videos, in denen z.B. nur Finger oder gar die Power-Point-Folien zu sehen sind.

Und was ist mit der Bereitschaft, Videokommentare zu erstellen? Ich dachte erst, dass die Bereitschaft zur Kommentierung in einem inversen Verhältnis zur Selbstzentrierung steht. Aber das ist Quatsch. Erklärvideos werden kommentiert und auch eigene Vortragsvideos werden kommentiert, nur: Man muss gut darauf achten, dass die Inhalte etwas mit den Personen zu tun haben, die kommentieren sollen. „Zu tun haben“, die Schweizer sagen „es törnt mich an“. Dieses Antörnen ist aber hier anders gemeint als z.B. bei einem Werbevideo, indem alle Antworten bereits gegeben sind. „Antörnen“ im Kontext der Videokommentierung ruft nach Video-Situationen, die zu mir sprechen, mich fordern, die Klappe auf zu machen, mit Fragen, Antworten, Widerspruch, Zustimmung. Mich mit den Videosituationen „in ein (reflexives) Sprachverhältnis“ zu setzen, alleine oder mit anderen, darum geht es und deshalb hat Social Video Learning auch viel mit Bildung zu tun. Zumindest potenziell.

Worlddidac 2014: Bewerbungsphasen sind Trainingsphasen

Am Dienstag habe ich 12 Stunden im Auto gesessen – tour und retour. Mein Ziel war Bern, Technologiepark, Präsentationsraum B, Bewerbung zum Worlddidak Award 2014. Dort konnte ich vor einer neunköpfigen Jury unter Leitung von Prof. Gloor unser Bildungsprodukt „edubreak®“ vorstellen. Wir sprechen „english“, klar.

Alle Ghostthinker sind sehr gespannt was dabei herauskommt. Aber wie immer kann man solche Awards auch dazu nutzen, die Sichtweise auf das eigene Produkt (bei uns ist es ja Dienstleistung) zu überdenken, Nutzenargumente und Kommunikationsmittel auf den neuesten Stand zu bringen.

So schreiben wir: „edubreak®CAMPUS is an online learning environment with an emphasis on social video learning for supporting reflection-intensive blended learning scenarios. The key didactic innovation is enabling rich video annotation by participants during the online phases using our pinpoint video comment system. Learning takes place communally within the scope of active exchanges in a safe online environment. As a result, the learners themselves create a lot of valuable content in the form of video commentary and blog entries and reflect on it using video-based e-portfolios. edubreak®CAMPUS is used successfully for training athletic coaches and teachers as well as service workers and managers. It is particularly ideal for continuing education on the “train the trainer” model in which speech is the main medium of exchange."  

Es ist unglaublich, wie lange man an sowas sitzt, versucht die Sache auf den Punkt zu bringen. Dabei haben natürlich unterschiedliche Nutzergruppen unterschiedliche Ohren und deshalb ist es immer ein Optimierungs- und Anpassungsprozess; Sport ist nicht Bank und Service ist nicht Leadership.

Eine für mich wichtige Akzentsetzung in der aktuellen Beschreibung ist die Betonung der Sprache bzw. die Förderung der Vermittlungs- oder Erklärkompetenz, auch wenn es im Text nur kurz angesprochen wird. Das hatten wir in früheren Versionen nicht so bedacht, scheint mir aber wesentlich, denn: Alle Berufsgruppen, bei denen die Sprache zum Kern der eigenen Professionalität gehört, also TrainerInnen, LehrerInnen, Coaches, aber z.B. auch VerkäuferInnen oder Servicekräfte, werden beim Einsatz von edubreak mittels Videokommentierung gefordert, eigene Gedanken durch Verschriftlichung zur explizieren und im Videodialog miteinander auszuhandeln. Das ist ein starkes Moment, das nicht unter den Tisch fallen darf, meine ich. 

Kurzum: Bern war klasse, auch wenn ich nur 2 h dort war. Nun heisst es: Daumen drücken!

SALTO und das Futur II.

Das dritte SALTO-Hauptmeeting liegt hinter mir. In der Projektlaufzeit haben wir die 66 %- Marke erreicht, d.h. wir haben noch 1 Jahr um, … ja was, um? Um einen „Ruck“ in den deutschen Sport zu bekommen, jener Ruck, den Altbundespräsident Herzog beschworen hat.

Es geht um „e-Learning“, es geht um „innovative Lehre“, es geht darum, wie die  Verantwortlichen für die Aus- und Weiterbildung digitale Medien in die Bildungsprozesse des deutschen Sports einbinden: 60 Sportarten, 98 Mitgliederverbände, 2000 Bildungsverantwortliche und 580.000 TrainerInnen. Das Feld ist groß. Aber das Feld ist auch vermint, an vielen Stellen wollen die Verantwortlichen kein „e“, weil sie damit die Präsenz in Gefahr sehen, weil der PC oder das „Mobile“ doch nicht den Sport ersetzen könne, weil das „e“ so unberechenbar aufwändig scheint, auch noch kostet, irgendwie so fern von Spaß, Schwitzen und Bewegung.

Doch nach dem Ideologiekampf kommen die Realisten. „Blended“ heißt es da, alles wird gemischt, das  Beste aus zwei Welten. Ohne „e“ wird der deutsche Sport an Qualität verlieren, so einer der Projektleiter. Aufspringen auf den fahrenden Zug, Entzug wird schwer.

Doch wir wollen keine Angst machen, sondern Mut, Zuversicht, Vertrauen … und Stolz. Stolz? Ja, auf die eigene Lehre, auf wertige Vermittlung, starke Gedanken, besseres Handeln, darauf, dass man jungen Menschen etwas „beibringt“ kann. Geht das nur mit „e“? Natürlich nicht, aber das „e“ macht Bildungsprozesse zeitlich flexibler und intensiver.

Flexibel und intensiv, Wunschprogramm oder Realität? Die Präsentationen auf dem 3. Hauptmeeting haben es gezeigt: Wir reden nicht über kleine Piloten, sondern über eine neue Praxis der Trainerausbildung, die sich bundesweit Bahn bricht. Selbstbeobachtung, Fehler zulassen, Rat annehmen. Das hat weniger mit dem „e“ zu tun als mit Kulturwandel.

Der Kulturwandel ist auch erklärtes Ziel im SALTO-Bildungsnetz, jener werdenden „Online-Plattform“ des Deutschen Olympischen Sportbunds, die Bildungsverantwortlichen Orientierung im e-Dschungel bieten und kollegialen Austausch ermöglichen soll. „Soll“, so möchten wir das alle. Doch, wie geht das Anfangen? In dem man an eine Zukunft glaubt, die es noch nicht gibt, aber so tut, als ob sie schon da ist. „SALTO wird erfolgreich gewesen sein“. Und wir waren dabei. Ja, so könnte es etwas werden.

Social Video Learning … von der Software zur Kulturtechnik

Die 10. Forschungswerkstatt (FWS) von Peter Baumgartner liegt hinter mir. Erstmals war ich dort als „special guest“ für das Thema Social Video Learning eingeladen. Was ist hängen geblieben, wo liegen bei mir die Wow‘s und Ahh‘s?

Klasse fand ich, dass es so unkompliziert möglich war, die Forschungswerkstatt in einem Blended-Format auszurichten, also durch eine vorbereitende und nachbereitende Online-Phase zu rahmen. Methoden erklärt / erfährt man ja am besten durch Methoden. Peter sagte in der Präsenzphase, dass ihm das Potenzial erst so richtig durch eigenes TUN aufgegangen sei. Ja, wir müssen vielmehr zwischen Tun und Reflektion hin und herpendeln, wenn wir Neues in die Welt bringen wollen.

Die Bereitschaft zu experimentieren – selbst im Rahmen einer Bildungsexpedition wie die FWS – ist noch ausbaufähig. Das merkt man z.B. an der Zurückhaltung, eigne Videos von sich in der ersten Online-Phase zur Verfügung zu stellen oder auch in der Präsenz Videos selber zu machen. Aber eines gilt als sicher: Ohne Videos kein Social VIDEO Learning. Und ohne Bereitschaft zur (Re)Kommentierung, ganz bestimmt auch kein SOCIAL Video Learning. Hier geht der Blick weg von der Software hin zu Kulturtechnik. Und hinter der noch werdenden Kulturtechnik steckt die Herausforderung der (teilöffentlichen) Selbstbeobachtung oder ganz generell, der reflexiven Beobachtung (mit Video). Um hier weiter zu kommen, experimentiere ich gern mit so etwas wie „Situationen einfrieren“, also live im Workshop, das wirft alle Beteiligten „aus der Zeit“, lässt uns für einen Moment „neben uns stehen“, es ermöglicht und legitimiert (!) eine Beobachtung der Dinge und Prozesse, die im Raum "passieren". Interessanter Weise geht das im Sport leichter, da werden Videos zur Bewegungsanalyse gedreht bis der Arzt kommt, Kommentierung und Rekommentierung fallen leicht und sind gängige Praxis. Vielleicht weil der (funktionalisierte) Körper im Zentrum steht, nicht die ganze Person, die Persönlichkeit? Kann sein. Ggf. ist so eine De-Zentrierung von der eigenen Person eine wichtige Voraussetzung dafür, mit Videos als Instrument der Selbstreflexion und damit Selbstzentrierung zu arbeiten. Paradox, aber fruchtbar. Aber es geht auch einfacher: Wenn ich z.B. als Ingenieur oder technische Servicekraft ein technisches System videografiere, ich selber als Person nicht vor die Linse komme, dann ist das mit dem Video kein Problem und ich denke auch mit der Kommentierung nicht. Fangen wir also besser bei den Ingenieuren an ;-).

Sehr interessant in der Forschungswerkstatt waren die Perspektiven der Teilnehmer und Teilnehmerinnen: Kunstpädagogin, Veternärmediziner, Schulpädagoge, IT-Unternehmer, Lerndesignerin / Cutterin, Sozialinnovatorinnen, … alle schauen auf „Video“ und die didaktischen Möglichkeiten, nicht nur als Repräsentationsmedium, sondern als Mittel für Konstruktions- und soziale Aushandlungsprozesse. Letzteres war neu und in der Werkstatt wurden nicht selten von Seiten der Kunstpädagogik (Perspekivität, Macht, Konstruktion) interessante Querverbindungen aufgezeigt, die gerade für die Didaktik fruchtbare Impulse liefern.

Fazit: Das Thema Social Video Learning ist für mich ein „schlafender Zwergriese“: Schlafend, weil wir die Potenziale für individuelles Lernen und organisationale Zusammenarbeit erst langsam verstehen. Zwergenhaft, weil man das Potenzial ganz simple darin sehen kann, mehr „Interaktion in das Thema Video“ zu bringen. Riesenhaft deshalb, weil die koordinierende und kohärenzschaffende Funktion von Videokommentaren vom Individuum über Gruppen bis ganzen Organisationen praktisch am Anfang steht und theoretisch Neuland ist (vgl. Lissack). An dieser Stelle möchte ich jedenfalls weiterdenken, gern auch in Kombination mit Pattern, so wie es Peter angekündigt hat.

Von „Schwererziehbaren“ lernen – eine Buchbesprechung

Ich kenne Nobert Büning seit der diesjährigen didacta in Stuttgart. Wir sind uns nur kurz begegnet, haben ein paar Worte gewechselt und vielleicht auch etwas in die Zukunft geblinzelt. Nebenbei haben wir über sein neues Buch gesprochen „Lernen im Unternehmen“. Ich war interessiert. Ein Tag später liegt das Buch in meinem Postkasten, mit einem lieben Gruß. Über Ostern ist dann eine kleine Buchbesprechung entstanden, gacker, gacker. 

Emotions in Learning ... Sprünge, keine Hüpfer

Am Dienstag war ich in Zürich, um an der eLearning Konferenz SeLC teilzunehmen. Die Organisatoren (u.a. Tagesmoderation Prof. König und Dr. Stoller-Schai) hatten sich viel Mühe gegeben, um einen guten Mix aus fachlichem Input, diskussionsorientiertem world café und humoriger Reflexion rund um "Emotions in Learning" zusammenzubringen. Bei dieser Aufzählung fällt der Humor gleich ins Auge, der auf vielen Konferenzen einfach zu kurz kommt. Durch die Integration eines Spontantheaters wurde nicht nur gelacht, sondern auch nachgedacht – wer wollte.

Ich selber war als Referent in einer der world cafés aktiv. Meinen 10 min Impuls „Social Video Learning – ein Medium bekommt Flügel“ war geeignet (u.a. durch beipielhafte Einbettung in einen Servicekräftetrainings-Fall der swisscom, Danke an Herr Früh!), um Fragen gerade zur Didaktik anzustiften. Teilnehmern/innen primär aus der Wirtschaft, aber auch aus dem Gesundheit- und Hochschulbereich fanden die Möglichkeiten des Videodialogs interessant: Weg von der rezeptiven Einbahnstraße hin zum sozialen Austausch, wer will das nicht?

Aber genau an dieser Stelle wurde an den Tischen etwas ganz anderes sichtbar, nämlich, ob die eigene Organisation solche Dinge wirklich, wirklich (!) gut findet: Videos aus dem echten Leben, unternehmensweiter Austausch, Offenheit und Kritikoption durch Kommentierung oder ganz generell: „Hier spricht der/die Mitarbeiter/in!“. Und so kommt man von der technischen Möglichkeit, über didaktische Notwendigkeiten zu Fragen der Lern- und Organisationskultur.

Um das gleich wieder einzufangen, sollte man didaktische Entscheidungen einfordern: Wer darf Videos machen? Auch die Mitarbeiter/innen? Einfach so, ohne Kontrolle? Welche Art von Videos? Wer macht Videokommentare? Haben die Videos genügend Relevanz, dass man sie kommentiert? Haben die Mitarbeiter/innen überhaupt den Mut, Kommentare zu machen? Ist Mut hier der richtige Begriff? Wer sieht Videokommentare, welche, wann? Was bringt das alles? Welche Währungen stecken in diesem „Bringen“? Wer regelt das, social guidelines? Wer handelt die aus? Wie handelt man aus?

Man merkt, der Weg beginnt mit Fragen, die so neu nicht sind. Neu ist, dass die Mitarbeiter/innen ihr Lernen (und die Bedingungen) vielleicht stärker als bisher selbst zum Thema machen. Und das ist gut so, denn das hat viel mit Emotionen zu tun und lässt auf Sprünge hoffen, keine Hüpfer.

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