Brauchen wir mehr BarCamps? Ja & Nein

Am Freitag und Samstag war ich auf dem CorporateLearningCamp 2014 in Frankfurt. Mehr als 100 Teilnehmer aus allen Bildungsbereichen von NPO und Hochschule über (Bau)Verwaltung bis Wirtschaft waren anwesend und haben über Bildungsfragen diskutiert. Circa eine Stunde nach Startschuss konnte Karlheinz Pape dann auch erfreut feststellen: „Wir haben uns alle vorgestellt und die Tagesagenda mit über 20 Sessions steht, wo gibt es das sonst?“

Ja, es ist schon erstaunlich was passiert wenn man die ansonsten konsumierenden Konferenzteilnehmer zu Produzenten und Mitverantwortlichen des Tages macht, wenn man sieht, was Experten so drauf haben, was sie gern und gekonnt anbieten – hier wird ernsthaft „2,0“ gelebt und man erkennt: Koproduktion funktioniert! Und so findet der Bildungsengagierte an sich alles, was interessant ist: Ganz Praktisches, manchmal Technisches und hin und wieder auch ein Theoriebeitrag, der gar nicht so theoretisch sein will, um die Teilnehmer nicht zu verschrecken.

Ich selber habe zwei Sessions angeboten: Eine zum Thema Videokommentierung (Schluss mit Kino), in der ich das Konzept Social Video Learning im Rahmen des Blended Learning-Szenarios der Sporttrainer diskutiert habe (vgl. Skizze, Danke an gezeitenraum!!!), und eine Folge-Session, in der wir der Frage nachgingen, wo im Kontext der Wirtschaft die „Videos herkommen“, denn ganz so mutig und frei wie im Sportkontext ist man hier nicht, kann man hier nicht sein, aus rechtlichen und kulturellen Gründen.

Ehrlich gesagt, habe ich außerhalb der Sessions, auf den Gängen und Fluren, am meisten gelernt. Das wird Karlheinz nicht wehtun, denn genau um das geht es ihm ja: Ermöglichungsräume schaffen. Z.B. ist mir die Unterhaltung mit Sandra Schleimer, in der es um einen möglichen Einsatz von edubreak in der Entwicklungszusammenarbeit ging, oder das Gespräch mit Heinz Erretkamps, in dem wir einen Spaziergang am Starnberger See ins Auge gefasst haben, um über die weltbeste Akademie für SCRUM-Trainer (nicht IT!) nachzudenken, oder das Gespräch mit Günther M. Szogs (da habe ich die Karte ;-)), der mir die Grundphilosophie des Leonardo-Awards beibrachte und der ein Interesse an unseren Entwicklungsarbeiten aus dem Sport hatte, vom Videostoppen bis zur sozialen Innovation.

All das hat mir gefallen! Nun fragt man sich bei der Überschrift (vgl. auch hier), wo denn hier der Haken ist. Ich sehe eine Chance und eben ein Defizit. Die Chance bei einem BarCamp besteht darin, dass sich hier Bildungsengagierte auf Augenhöhe treffen und befreit von Rollenzwängen austauschen können. Das lockt an, vor allem die, die ihre mitgebrachten Corporate-Probleme und Fragen mit Gleichgesinnten sichten und erörtern wollen. Das schafft ein Gefühl von Gemeinschaft, Einsichten und Lösungen und motiviert zur Vernetzung. All das ist klasse, und es ist ein Verdienst von KH Pape und „seinen“ Mitstreiter, im Portfoliodschungel der „Bildungsräume“ einen schönen und einladenden hinzugefügt zu haben, was nicht immer leicht ist. Wir erinnern uns: Es ist schwerer, aus dem Nichts einen Punkt zu machen, als aus einem Punkt einen bunten Ballon! Ich wünsche KH, dass sein Ballon sehr hoch steigt!

Was das Defizit betrifft, möchte ich auf einen Punkt hinweisen, der aus dem Gespräch mit Günther M. Szogs entstanden ist: Auch BarCamps bedienen die Bedürfnisse der Teilnehmer, sind in diesem Sinne selbstreferenziell und laufen damit Gefahr, dass sie das nicht beobachten, was außerhalb der Horizonte der Teilnehme liegt oder eben hier und jetzt nicht interessiert: So sind Fragen um die Voraussetzung von Bildungsproduktion (Struktur, Macht, Autonomie, Finanzierung, Zweck, politische Abhängigkeit) oder zu alternativen Modellen der Bildung gerade im Kontext der Wirtschaft zwar in Flurgesprächen präsent, in angebotenen Sessions bleiben die Sitze aber leer! Resonanz und Relevanz kommen nicht immer zur Deckung. Auf anderen Wegen ist es aber auch nicht leicht: Unser 2004 gegründetes „Netzwerk Ökonomie und Bildung“ hatte genau eine solche Zielstellung des Fragens. 2014 haben wir den Laden geschlossen wegen Ressonanzmangels im Innen- und Außenverhältnis.

Mein Fazit: Bildung ist ein „dickes Brett“ und ein BarCamp ist eine gute Säge!

Vgl. auch Weiterbildungsblog 

Kommentare

Womit Du nicht zufrieden warst: "So sind Fragen um dieVoraussetzung von Bildungsproduktion (Struktur, Macht, Autonomie, Finanzierung, Zweck, politische Abhängigkeit) oder zu alternativen Modellen der Bildung gerade im Kontext der Wirtschaft zwar in Flurgesprächen präsent, in angebotenen Sessions bleiben die Sitze aber leer! Resonanz und Relevanz kommen nicht immer zur Deckung" Ich glaube, dass die Frage, wie Bildung künftig für die Menschen verfügbar ist, eine enorme Bedeutung bekommen wird. Hier müssen sich die Bildungsanbieter, wozu ich auch viele Unternehmen mit einem eigenen internen Weiterbildungsbereich zähle, zu einer Barrierefreiheit hin bewegen. Barrierefreiheit beeinhaltet aus meiner Sicht sowohl den technischen Zugang (Internetbasiert, offen, für alle Hardware), den organisatorischen Zugang (Urheberrechte, self-directed learning...) und den kognitiven Zugang (Medienvielfalt, Verständlichkeit, Sprache...). Wenn es die Bildungslandschaft schaffen würde, solche Themen anzugehen... Aber hier geht es ja auch immer um Geschäftsmodelle.Nächstes Wochenende bin ich auf dem Educamp in Hattingen und möchte dieses Thema gerne in den Sessions unterbringen. Wir können schließlich nicht mehr so lernen, wie vor 100 Jahren.

Heinz wer? DAS weiss ich. Das muss der Heinz Erretkamps gewesen sein. Hier auf XING https://www.xing.com/profile/Heinz_Erretkamps und hier auf mixxt http://colearncamp.hessenmetall.de/networks/members/profiles/index.heinz....Herzlich @mons7

Bild von Frank Vohle

Danke Monika für die Blickführung! Auf die mixxed-Plattform hätte ich kommen MÜSSEN, unverzeihlich :-)